Geliebte Großmütter „SIE HAT ES IMMER GESCHAFFT, MICH AUFZUFANGEN“

„SIE HAT ES IMMER GESCHAFFT, MICH AUFZUFANGEN“

Oskar Roehler, 58, findet sein Verhalten manchmal selbst ein wenig merkwürdig: „Ich kann kein Brot wegwerfen. Ich habe bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr eine Verbeugung gemacht bei Frauen. Und habe heute noch Umgangsformen, die mir zu schaffen machen: Im Hotel grüße ich jeden. Werde ich dann nicht zurückgegrüßt, fühle ich mich scheiße“, erzählt der Berliner Filmregisseur und Schriftsteller. Warum das alles? Weil er bei Oma und Opa aufwuchs, die im Fränkischen eine Gartenzwergfabrik betrieben, glaubt Roehler. Bei ihnen ließ ihn seine Mutter, die Schriftstellerin Gisela Elsner, um ihre literarische Begabung zu leben.

Großeltern als Eltern: Rund 70 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland werden derzeit von Verwandten und nicht von ihren Eltern großgezogen – Großeltern stellen 70 Prozent dieser Angehörigen. Sie springen ein, um ihren Enkeln die Fremde im Heim oder bei Pflegeeltern zu ersparen, wenn die Kindseltern nicht in der Lage sind, ihren Nachwuchs zu umsorgen. Weil sie schwer krank sind, alkohol- oder drogenabhängig, zu jung, zu überfordert von der Erziehungsaufgabe. Oder weil sie verstorben sind. Jugendämter sind offen für solch eine Lösung und unterstützen sie auch durch Pflegegeld.

Doch können Großeltern einfach in die Elternrolle schlüpfen? Oder sind sie zu gestrig, zu unbeweglich in Gliedern und Kopf?

„In den allermeisten Fällen sind sie genauso gut geeignet wie die Eltern“, sagt die Psychologin Fabienne Becker-Stoll, Direktorin des Münchner Staatsinstituts für Frühpädagogik. Besonders, wenn ohnehin eine liebevolle Bindung besteht. Natürlich ist das keine Alles-wird-gut-Garantie. Vieles kann schieflaufen, wenn Kinder trauern, sich von ihren Eltern verlassen oder abgeschoben fühlen und das Warum nicht verstehen – Oskar Roehler ging es so. Der Künstler hat heute zwar ein gewisses Verständnis für das Verhalten seiner Mutter, blieb selbst aber bisher kinderlos. Zufall?

Oft glauben Jungen und Mädchen schuld zu sein am Elternverlust und schämen sich, weiß der Bremer Erziehungswissenschaftler Professor Jürgen Blandow. In ihrem Grundvertrauen und der Weltsicht sind manche so erschüttert, dass sie mit Depression oder Aggression und Wut bis zur Selbstzerstörung reagieren. Reden kann da helfen, sagt Blandow. Und rät Großeltern, behutsam mit der Wahrheit herauszurücken: damit aus Zweifeln keine Verzweiflung wird. Und aus Traurigkeit kein Trauma. Belastend für Oma-Opa-Kind-Familien ist auch, wenn Großeltern und Eltern sich schlecht verstehen. Kinder spüren das – und sind ratlos, zu wem sie halten sollen.

Und was dann? Auf großelterliches Verwöhnprogramm schalten? Keine gute Idee, sagen Forscher, die bei kindlichem Übergewicht den „Oma-Faktor“ ausmachten: Ein Team vom University College in London, das 12 000 Kleinkinder untersuchte, stellte fest, dass ein Drittel, die Vollzeit von ihren Großmüttern betreut wurden, zu dick waren. Bei Omas in Teilzeit lag das Risiko bei 15 Prozent. Kinder in Kitas oder bei Tagesmüttern waren im Vergleich normalgewichtig. Die Experten nehmen an, dass die Großelterngeneration dazu neigt, Süßigkeiten als Beschwichtigung oder Belohnung anzubieten und nicht genug über gesunde Ernährung und Bewegung weiß.

In seinen Aufgaben kann man aber wachsen. Für die pädagogische Kompetenz dieser Generation spricht jedenfalls die lange Liste derer, die von Großeltern erzogen wurden: Eric Clapton, Pierce Brosnan und Jean-Paul Sartre stehen darauf, Barack Obama ebenso wie Loriot und Alice Schwarzer...

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