Freundschaf Geheimnisse teilen, einander zuhören

Geheimnisse teilen, einander zuhören

Woraus besteht der Kitt, der Freundinnen über Jahrzehnte verbindet? Konventionen, Kinder, Immobilien oder gemeinsame Herkunft, all das, was bei Ehepartnern und Verwandten für Zusammenhalt auch in Krisenzeiten sorgt, gibt es in Freundschaftsbeziehungen in der Regel nicht. „Es sind die geteilten Geheimnisse, die für Nähe sorgen“, sagt der Soziologe und Freundschaftsforscher Janosch Schobin. Das intime Wissen über Stärken und Schwächen, über die Lebensgeschichte, die Abgründe. Um zu so einer Nähe zu finden, braucht es die Fähigkeit, sich in den anderen einzufühlen, sich zu interessieren und zuzuhören. Und das Vertrauen, dass da jemand ist, bei dem Privates, Schwieriges und Ungeklärtes gut aufgehoben sind. Ich würde tatsächlich sagen: Kein Mensch weiß so viel über mich wie meine Freundinnen Sue und Stephanie. Vielleicht nicht einmal mein Mann. 

Das Besondere an einer solchen Lebensfreundschaft ist zudem: Wir haben sie frei gewählt. Sie besteht allein deshalb, weil zwei Menschen es so wollen. Dennoch, für den Gesetzgeber existiert diese Beziehung nicht einmal. Ob Erbrecht, Pflege, Versorgungsansprüche, nur Verwandtschaft ist vor dem Gesetz relevant. Das Sprichwort „Blut ist dicker als Wasser“ scheint diese Bewertung zu bestätigen. Es wird heute so aufgefasst, dass man sich eher auf seine Familie als auf seine Freunde verlassen könne. „Es ist jedoch alttestamentarischen Ursprungs und bedeutet das genaue Gegenteil: Die Beziehungen, die durch Blutschwüre entstehen, sind stärker als die Beziehungen, die der Geburt im gleichen Geburtswasser geschuldet sind“, erklärt der Soziologe Schobin. In der Antike galt die Freundschaft als erstrebenswerteste Form des Miteinanders. Ab dem 18. Jahrhundert wurde die bürgerliche Kleinfamilie zur Norm und zum Ideal, zumindest in westlichen Gesellschaften. Inzwischen zeichnet sich möglicherweise wieder ein Wandel ab: In Zeiten sinkender Geburtenzahlen und großer Mobilität knüpfen mehr Menschen Netze der Solidarität jenseits von Liebe und Verwandtschaft. Natürlich haben Freundschaften auch ganz besondere Herausforderungen: Hört bei Geld die Freundschaft auf? Wie loyal kann ich, muss ich in Krisenzeiten sein? Anders als mit Verwandten müssen wir mit unseren Freunden all dies frei verhandeln und eine ganz eigene Definition davon finden, wie nah wir uns am Ende wirklich stehen, wie verbindlich es mit uns ist.

 

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