Gespräch über das Leben „Die Zeit drängt. Wir müssen handeln“

„Die Zeit drängt. Wir müssen handeln“

Es gibt Pflaumenkuchen mit Sahne. Der Esstisch unter der Grafik des von Christo eingepackten Reichstags ist liebevoll gedeckt. Der Blick ins Wohnzimmer gibt mehr moderne Kunst und deckenhohe Bücherregale frei. „Dies soll ja ein nettes Gespräch werden. Aber ich fühle mich gar nicht nett“, sagt Rita Süssmuth, 84, Kaffeekanne in der Hand. „Ich fühle mich gerade sehr kämpferisch.“ Ihr neuestes Buch „Überlasst die Welt nicht den Wahnsinnigen“ liegt griffbereit neben dem Kuchenteller. Es ist ein Brief an ihre Enkel*innen, ein Appell, politisch aktiv zu werden gegen Hass, Gewalt und Fremdenfeindlichkeit. Daneben andere Bücher und Notizen. Rita Süssmuth hat nicht zum Kaffeeplausch geladen, sie hat eine Botschaft: 

 

PROF. DR. RITA SUESSMUTH: Ich will deutlich machen, dass wir nicht ohnmächtig sind gegen das, was heute in unserer Gesellschaft passiert. Dass Veränderungen zum Besseren möglich sind. Eine gemeinsame Gestaltung der Zukunft ist heute dringlicher denn je. Dazu brauchen wir vor allem auch die Frauen. 

 

BRIGITTE WIR: Die Situation der Frau ist seit jeher Ihr Thema. Sie haben sich für den Abtreibungsschutz, gegen die Vergewaltigung in der Ehe, für Erziehungsgeld und Gleichstellung Unverheirateter starkgemacht. Für eine ausgeglichene Besetzung aller politischen Ämter von Männern und Frauen kämpfen Sie heute noch. 

Zu meiner Zeit als Ministerin wollte ich das Parlament zu einem Drittel mit Frauen besetzen. Mit meinen Anträgen bin ich zweimal gescheitert. Dabei waren die schon sehr klein gedacht. Die Weimarer Frauen haben es geschafft, zu sagen: Wahlrecht für alle, aktives und passives, 100 Prozent in allen Bereichen. Die Grünen haben 1986 etwas Entscheidendes gemacht, indem sie mit der Parteigründung einen Frauenanteil von 50 Prozent festlegten. Die CDU ist jetzt bei circa 23 Prozent, und bis 2025 sollen es 50 Prozent sein. Wieder in die Zukunft geschoben statt: Parität jetzt! Das ist immer noch mein großes Anliegen. Ich will noch mal einen Aufschlag für alle Frauen haben und arbeite gerade an einer Kampagne, die zum Mitmachen und Mitrevoltieren bewegen soll. Und selbst wenn ich wieder scheitere – es gewagt zu haben, wieder vorstellig zu werden, das ist mir wichtiger, als es liegen gelassen zu haben.  

 

Warum? 

Weil wir als Frauen zwar mehr Entfaltungsmöglichkeiten haben als früher, aber kaum Einflussnahme auf die Entwicklung der Welt. 

Was steht im Weg? 

Die Männer natürlich, die sagen: „Was wollt ihr denn noch, ihr habt doch schon alles“, und an der Macht festhalten. Aber auch junge Frauen, die sagen: „Ich will keine Quotenfrau sein.“ Das kann ich sogar verstehen. Sie argumentieren für sich richtig, für die gesellschaftliche Frage zwischen Frauen und Männern aber falsch. Das ist es, was mich kämpferisch macht. 

Diese kämpferische Haltung begleitet Sie durch Ihr ganzes Leben, oder? 

Ich bin ein Kriegskind. Meine Kindheit war angstbesetzt, weil ich die Bombardierungen erlebt und viel Zeit in Kellern verbracht habe. Diese Jahre haben mich geprägt. Mein Vater war Lehrer. Meine Mutter kam aus einem gut gehenden Schmuckgeschäft. Uns fünf Kindern fehlte weder der Kaufladen noch die Puppenstube. Aber wir hatten Angst ums Überleben. 

 

Sie mussten als Kind schon die Mutterrolle übernehmen. 

Mein Vater war im Krieg. Meine Mutter und mein jüngster Bruder lagen lange mit Paratyphus, einer abgeschwächten Form von Typhus, im Krankenhaus. Tagsüber passte eine liebenswürdige Apothekersfrau auf uns auf, nachts waren wir Kinder allein. Ich musste mich kümmern. Wir mussten durchkommen. Mit 16 Jahren verstand ich dann sehr viel mehr von Haushalt als von Bildung.  

 

Hat diese Zeit auch Ihr politisches Engagement geprägt? 

Bei der späteren Migrationsdebatte kam in mir immer wieder eine Kindheitserinnerung hoch: Die Leute standen mit ihren Brotformen vor den Bäckerläden und haben sie dort abbacken lassen. Und immer wurden die Flüchtlinge aus Ostdeutschland weggeschickt oder kamen als Allerletzte dran. Integration ist mir ein Leitgedanke. 

 

Sie wollten dann Lehrerin werden.  

Ich habe Romanistik und Geschichte studiert, erst in Münster, dann in Tübingen. Damals studierte man, um einen Mann zu finden. Das wäre mir auch noch gelungen (lacht), aber das war nicht mein Ziel. Das Studium machte mir einen Heidenspaß. Dabei kam ich ins Fragen und wurde neugierig. Ich habe allerdings noch nicht an Frauenfragen gedacht, mein späteres großes Thema. Das kam erst durch die 68er. Das war meine persönliche Aufklärung. 

 

 

Das ganze Interview lesen Sie in der neuen Ausgabe der BRIGITTE WIR!