Psychologie Der Ausstieg aus dem Funktionieren – das ist die wahre neue Lebensqualität

Der Ausstieg aus dem Funktionieren – das ist die wahre neue  Lebensqualität

Ich fliege auf der Schaukel in den Himmel und wieder zurück. Hin und her, her und hin. Die Wolken sind Schafe und Elefanten, Mäuse und Krokodile. Meine Oma klappert mit dem Geschirr, ihr Küchenfenster steht offen. Und leise zieht mein schlechtes Gewissen auf: Ich könnte ihr beim Abtrocknen helfen – aber ich fliege weiter. Später fragt sie: „Was hast du heute Schönes gemacht?“ Und ich sage fröhlich: „Nichts!“ 
  Das ist so ungefähr meine glücklichste Kindheitserinnerung. Im Nichtstun habe ich Kraft gesammelt für all das, was außerhalb von Omas Garten auf mich wartete. Jetzt denke ich wieder öfter an diese ferne Zeit zurück, als alles begann. Wenn ich eine Schaukel hätte, ich würde wieder losfliegen. Und einfach nichts tun. 
  Allerdings ist die Gesellschaft nicht so einfühlsam wie meine Oma. Sie will anscheinend, dass ich immer noch beim Abtrocknen helfe, jedenfalls mich irgendwie nützlich mache. Mit 67 bin ich ja gerade im ersten Zimmer des Alters angekommen, ich bin eine junge Alte. Letztes Jahr kamen wieder 780?000 von uns hinzu, die in Rente gingen und die jetzt all das tun können, wollen, sollen, was sie vorher nicht geschafft haben: sich scheiden lassen, eine Firma gründen, einen Internet-Blog starten, im Himalaya wandern. Alles ist möglich! 
  Medien berichten viel Anspornendes: Das Guinness-Buch der Rekorde ehrt die älteste Yogalehrerin der Welt, Tao Porchon-Lynch, 98. Die älteste Doktorandin aller Zeiten war 102 – in diesem Alter holte Ingeborg Syllm-Rapoport die mündliche Prüfung im Fach Medizin nach, die die Nazis ihr einst verweigert hatten. 
  Gesundes Altern ist einer der spannendsten Forschungsgegenstände unserer Zeit: Gehirnscans belegen, dass Menschen, die im Alter viel Sport treiben, über eine dickere graue Hirnsubstanz verfügen. Das ist jene Schicht, die fast nur aus Nervenzellen besteht. Je mehr es davon gibt, desto leistungsfähiger ist das Gehirn. Sportliche Super-Ager scheinen resistent zu sein gegen den normalen Alterungsprozess, erklärt die US-Neurologin Emily Rogalski. Im Prinzip könne aber jeder und jede dafür sorgen, dass die graue Substanz wächst. Wichtig sei nur, „eine Entscheidung zu treffen, sich aus der eigenen Komfortzone zu bewegen“, also sich selbst herauszufordern. 
Aber ist die Komfortzone nicht immer schon ein Ort gewesen, an dem man nichts zu suchen hatte? Und wann hab ich mich selbst eigentlich in Komfortzonen aufgehalten? Nach dem Auszug von zu Hause, beim Studium in einer fremden Stadt? Wohl kaum. Auch die Familiengründung hat nicht das süße Leben eingeläutet. Die Sorgen mit den heranwachsenden Kindern? Der Jobwechsel? Die Trennung vom Partner? Nichts davon war entspannt. Ich hoffte, die Komfortzone des Lebens würde ich betreten, wenn all diese Aufgaben erledigt sind. Also jetzt.
  Doch vor wenigen Jahren entdeckte die Öffentlichkeit, was Leute über 50 so alles draufhaben. Wie gut sie aussehen, wie fit sie sind, wie attraktiv. Ein neues Role Model war geboren: die schöne Frau mit natur?grauem Haar, die mit 70 ihren ersten Modelvertrag unterschreibt. Einen jüngeren Lover samt tollem Sex hat. Marathon läuft. Was zunächst ein Einzelphänomen war, ist nun Konsens – wir Älteren sind zu Rebellen gegen überkommene Altersklischees ernannt worden. Wir haben Power, Meinung, Stil. Man traut uns alles zu. Gerade spielt die 63-jährige Linda Carroll Hamilton wieder die Sarah Connor im „Terminator“. Maren Kroymann ist mit 70 auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen, hört man. 
  Doch der Hype hat eine Kehrseite. Wenn ich mit meinem E-Book-Reader auf dem Sofa entspanne, beschleicht mich sofort das schlechte Gewissen: Lesen ist doch keine optimale Aktivität, die Muskeln bleiben untätig! Und ich lese den Text nicht in der Originalsprache Englisch! Wenn ich durch den Wald schlendere und dem Specht beim Klopfen zuhöre, denke ich: Du solltest wenigstens walken! Wenn meine Freundin Sylvie Whatsapp-Fotos aus Albanien schickt, schäme ich mich gar ein bisschen. Weil ich nicht nach Albanien will. Und nicht nach Georgien oder wohin sonst die junge Alte jetzt auf Entdeckertour geht ... 
  
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