Psychologie Erlebtes bewältigen und neue Kraft finden

Erlebtes bewältigen und neue Kraft finden

Unser Alltag besteht aus kleinen und größeren Kränkungen. Manche können wir schnell wegstecken, andere treffen uns so tief, dass sie uns monatelang beschäftigen oder wir uns sogar Jahrzehnte später noch daran erinnern. Dass mein Tanzpartner, mit dem ich wochenlang geübt hatte, mich einen Tag vor dem Abschlussball sitzen ließ, weil er lieber mit seiner neuen Flamme zum Ball wollte, habe ich bis heute nicht vergessen. Damals war ich 17. Natürlich bin ich lange darüber hinweg, aber die Erinnerung an das Gefühl der Demütigung ist immer noch lebendig. Das zeigt, wie lange Kränkungen in uns nachwirken. 
Die beste Freundin sagt die lange geplante Fahrradtour ab. Die Hausärztin haut uns eine fiese Bemerkung um die Ohren. Der Partner hört nicht zu, wenn wir etwas erzählen wollen, was uns am Herzen liegt. Ein Freund verweigert einen Gefallen, um den wir dringend gebeten haben. Die Rente wird viel zu niedrig ausfallen, ein deutliches Zeichen dafür, dass unsere Lebensleistung nicht anerkannt wird. Die erwachsenen Kinder machen sich rar. Jemand lässt einen blöden Spruch über Frauen jenseits der 60 fallen. Die Bandbreite möglicher Verletzungen ist groß. 
In der Psychologie wird Kränkung definiert als eine Verletzung unseres Selbst oder unserer Werte. Kränkungen berühren uns in der Tiefe. Sie werden auch als Ohrfeigen oder Nadelstiche für die Seele bezeichnet. Doch der Vergleich mit körperlichen Schmerzen, schreibt der Psychotherapeut Frank Staemmler in seinem Buch „Kränkungen“, führe in die Irre. „Psychische Kränkungen so zu begreifen, als handele es sich um körperliches Leid, verschärft in der Regel das erlebte Leid.“ Er spricht von „alltäglichen Tragödien“, weil verletzende Worte oder Taten oft eine von allen Beteiligten ungewollte destruktive Dynamik entwickeln. 
Wenn wir uns gekränkt fühlen, landen wir schnell in einem Täter-Opfer-Schema, das uns nicht viel Spielraum lässt und es geradezu unmöglich macht, eine Erfahrung konstruktiv zu verarbeiten, denn die Rollen sind klar verteilt. Wir sagen: „Sie hat mich verletzt.“ Oder: „Er hat meine Grenzen missachtet.“ Damit ist klar, wer etwas Schlimmes tut – und wer es erfährt. Doch zu einer Kränkung, so banal das klingt, gehören immer zwei – der handelnde Mensch und der reagierende Mensch. 
Die meisten Kränkungen geschehen unabsichtlich und entstehen aus einer speziellen Situation heraus. Durch Missverständnisse, Unaufmerksamkeit, spontane Bemerkungen, die danebengegangen sind. Durch Kommentare, die innere Schutzmauern einreißen, von denen unser Gegenüber vielleicht gar nichts weiß. Kränkungen fühlen sich so fies an, weil sie einen wunden Punkt treffen und ein Gebiet in uns berühren, in dem wir uns nicht sicher fühlen, ein Defizit spüren. 
Wir alle haben das Bedürfnis, gesehen, gehört, beantwortet und anerkannt zu werden und uns verbunden zu fühlen. Wird eines dieser Bedürfnisse in Beziehungen verletzt, erleben wir das als Kränkung. „Uns einzugestehen, dass uns etwas tief getroffen hat, ist der erste Schritt, aus der Kränkungsdynamik auszusteigen“, rät die Hamburger Psychologin Eva Wlodarek. „Oft spielen wir die Kränkung vor anderen und sogar vor uns selbst herunter. Doch sie wegzudrücken tut nicht gut, weil die Kränkung dann unbewusst weiterwirkt.“


Den ganzen Text lesen Sie in der neuen Ausgabe der BRIGITTE WIR!