Psychologie Klein anfangen, Geduld zeigen

Klein anfangen, Geduld zeigen

Was ist das überhaupt: emotionale Nähe? „Wir erleben sie als Resonanz und Verbundenheit – in einem breiten Spektrum: von einfacher Sympathie über sich zueinander hingezogen fühlen bis hin zu Liebe“, sagt der Hamburger Psychologe Oskar Holzberg. „Diese Verbindung ist kein statisches Ding, sie ist etwas, das wir immer wieder herstellen müssen.“ 

 

Im Laufe des Lebens lernen wir, Nähe zu pflegen. Als meine Freundin in der dritten Klasse mit den Eltern in einen anderen Stadtteil zog, wurde ich zwar noch zum Kindergeburtstag eingeladen, aber ich wusste nicht mehr so viel von ihr und sie nicht von mir. Vorher trennten uns 500 Meter, jetzt waren es 15 Kilometer. Aber emotionale Nähe ist eben nicht unbedingt räumlich definiert. Wir beide haben uns später immer wieder gefunden, nach dem Abitur, das sie in Moskau gemacht hat und ich in Berlin, nach dem Ende der Familienzeit, die sie in Hongkong erlebte und ich in Hamburg. Unsere Nähe hat sich eingependelt und überdauert. Sie braucht kein tägliches Update mehr. Neulich schrieb sie mir aus Sri Lanka eine Nachricht, in der sie sich entschuldigte, vor ihrer Reise nicht mehr angerufen zu haben. Das hat mein Herz gewärmt. 

Verbundenheit herzustellen ist überhaupt keine Hexerei: einander zuhören – mit dem Herzen zuhören! So fängt es an. Unangebrachte Offenheit allerdings, etwa im Pausengespräch im neuen Job gleich von der dramatischen Scheidung zu berichten oder dem Nachbarn die eigene Krankengeschichte am Zaun aufzunötigen, führt nicht nur zu Irritation, sondern auch zum Rückzug des Gegenübers. Denn allzu viel Bedürftigkeit macht misstrauisch. Klammern erzeugt keine Nähe, sondern Abwehr. 

Es gibt tausend Arten, erst mal klein anzufangen. Oft muss man Geduld zeigen. Die Frau mit der Latzhose, die mir beim ersten Gespräch in meiner neuen Wohnstraße einfach nur ein herzliches „Willkommen“ geboten hatte, ist heute meine gute Freundin. Dazwischen lagen viele kleine Small Talks, später die erste Einladung zum Grillen, dann das gegenseitige Bekochen, viele Stunden Austausch über das Leben, das vorsichtige Sich-Öffnen auch bei kniffligen Themen. Wie gut zu hören, dass ich nicht die Einzige mit einer schwierigen Mutter-
Beziehung bin. Wer sich verstanden fühlt und Verständnis empfindet, zuhört, erfährt irgendwann auch Verbundenheit und Freundschaft.