Psychologie Um den richtigen zu finden, braucht es Ausdauer

Um den richtigen zu finden, braucht es Ausdauer

Wir sitzen im Schatten einer Linde, vor uns ein kühles Getränk. Wir schweigen, jeder hängt seinen Gedanken nach: Sieben Jahre, so lange ist es her, dass wir uns in diesem Lokal zum ersten Mal trafen. Er und ich. Nach fünf Stunden, in denen wir uns das Wesentliche erzählt hatten, wollte der Wirt damals schließen. Für uns völlig überraschend, die gemeinsamen Stunden waren uns vorgekommen wie zehn Minuten. Der Kellner fegte uns als letzte Gäste auf die Straße. Da standen wir dann unter einer Laterne und küssten uns. Erst vorsichtig, dann leidenschaftlich. 
Wenn man mich fragt: Wie verliebt man sich mit 60? Dann sage ich: Genauso wie mit 20. Der Ausnahmezustand der Gefühle, das Herzrasen, die Schmetterlinge im Bauch, das ist wie früher. Doch trifft dieser Cocktail in meinem Alter auf Erfahrungen, auf geprägte Denk- und Emotionsbahnen. Die Erinnerungen lieben mit – so könnte man es vielleicht sagen. 
Am Ende meiner letzten langjährigen Beziehung war ich fast 50. Und danach hatte ich kein dauerhaftes Glück mehr in der Liebe. Immer wieder mal ein Versuch auf einer Onlineplattform. Aber nie war viel mehr draus geworden als ein gelegentliches amouröses Wochenende. Ein Mann, den ich sehr mochte, war kurzzeitig zu mir gezogen. Er entdeckte aber gleich nachdem er seine scheußlichen Eichenmöbel abgestellt hatte, dass er die 30 Jahre jüngere Ukrainerin doch noch liebte, die ihm zuvor den Laufpass gegeben hatte. 
Ich traf mich mit einem Arzt, einem Informatiker, einem Puppenspieler, einem bildenden Künstler. Dem Arzt, das habe ich einsehen müssen, war ich zu alt: Ich war drei Jahre älter als er. Und zu arm, er verdiente mit seiner eigenen Praxis deutlich mehr und wollte später im Ruhestand teure Reisen machen. Eine vorübergehende sexuelle Beziehung war ihm jedoch ganz recht gewesen. Der Informatiker wollte von seiner Sexsucht geheilt werden. Er gestand mir, dass er mit 17 Frauen gleichzeitig zu tun hatte. Da konnte ich ihm auch nicht helfen.
Irgendwann wurde ich sauer. Richtig sauer. Auf das Schicksal. Auf mich, auf die Männer. Dann sollen sie ohne mich auskommen, dachte ich. Es gibt so viel Schönes – die Liebe eines Mannes ist nur eins davon. Doch dann telefonierte ich mit Thomas, meinem besten männlichen Freund. Und der sagte: „Spinnst du? Such weiter! Du bist nicht der Typ, der allein bleibt!“ Das war wohl das, was ich hören wollte und zu dem Zeitpunkt brauchte. Und so ging ich zurück an den Start, gab eine freche, fast provozierende Onlineanzeige in einem Kulturmagazin auf, auf die ich viele nette Antworten bekam, jede Menge E-Mails flogen bald hin und her.
Und auf einmal war er da, mein Held, mein Freund, mein Liebster. Glück gehabt? Ja, sicher. Zufall? Eher nicht. 
In Deutschland gibt es 10,7 Millionen Singles der Generation 50 plus. Und Onlinedating ersetzt inzwischen auch für uns Disco, Tanzabend oder Bar als Anbahnungsort. Fast die Hälfte der Nutzer von Single?börsen im Netz sind 50 Jahre und älter. Da muss ja schon rein rechnerisch für jede einer dabei sein, oder? Ich frage eine Frau, die sich auskennt, wie oft die Onlinesuche mit einem Volltreffer endet: Psychologin Katharina Ohana berät Partnersuchende, die auf zweisam.de unterwegs sind. Sie sagt: „Sehr viele finden inzwischen im Netz ihr Glück.“ Alle elf Minuten, wie eine Werbung behauptet? Na ja, man müsse schon dranbleiben, sagt sie, Ausdauer gehöre dazu. Es sei wie im echten Leben, da begegne einem auch nicht jeden Tag ein Mr. Right an der Supermarktkasse. Doch Beharrlichkeit scheint sich zu lohnen. „Wenn sich Paare über 50 finden, hält es besonders lange. Diese Bindungen der zweiten Runde, dem zweiten Teil des Lebens nach einer langen Beziehung, die aus den verschiedensten Gründen zu Ende ist, scheitern fast gar nicht mehr.“


Den ganzen Text lesen Sie in der neuen Ausgabe der BRIGITTE WIR!