Psychologie Wann, wenn nicht jetzt?

Wann, wenn nicht jetzt?

Dreimal ging ich am Briefkasten vorbei, ehe ich den Umschlag endlich einwarf. Wenigstens ein paar Minuten noch zögerte ich den Moment hinaus, der alles änderte. Nun, da mein Ausreiseantrag auf dem Postweg in die entsprechende DDR-Behörde war, gab es kein Zurück mehr. Ich holte am nächsten Tag ein paar Sachen aus dem Schreibtisch in meiner bisherigen Arbeitsstelle und ging in die Sauna. Das Aufschieben, das Zögern, das quälende Abwägen von Für und Wider – das alles schwieg auf einmal. Und augenblicklich wurde ich ganz ruhig und ließ den Dingen ihren Lauf. 
Damals habe ich gelernt, wie befreiend es sein kann, eine lange aufgeschobene Entscheidung zu treffen. Dennoch, das Aufschieben von schwierigen Dingen ist ein lebenslanges Thema – und beides: ein Pro­blem und ein verständliches, selbstentlastendes Verhalten. Verhaltensgenetiker von der Universität Colorado sagen: Das Aufschiebeverhalten ist zur Hälfte genetisch bedingt. Den Rest haben wir ganz und gar selbst in der Hand.
Angesichts der Begrenztheit müssten Entscheidungen mit zunehmendem Alter eigentlich schneller fallen. Logisch wäre es, Dinge, die getan werden wollen, sofort durchzuziehen. Unsere Jahrgänge stehen gerade wieder vor ganz wesentlichen Fragen: Altersgerecht umbauen? Umziehen? Ausmisten und Dinge verschenken? Wer sich unsicher ist, schiebt die Antworten auf. Aber das Beispiel Scheidungsquote zeigt, irgendwann werden dann doch mutige Entscheidungen getroffen. Um 40 Prozent, vermeldet das Statistische Bundesamt, hat sich die Scheidungsrate in den vergangenen sieben Jahren erhöht, aber um unglaubliche 
70 Prozent stieg die Zahl der Scheidungen bei älteren Paaren.  
Wir haben nicht mehr ewig Zeit. Einerseits. Und andererseits denken wir vielleicht: Wenn ich das jetzt falsch mache, kann ich es eventuell nie mehr reparieren. Abwarten, zögern, hinausschieben. Ein Grund, sich das Thema Vertagen einmal genauer anzugucken. 
Ich war zum Beispiel noch niemals in New York, empfinde das als große Erfahrungslücke. Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit dafür? Warum buche ich nicht einfach einen Flug? Genau weiß ich das nicht. Und weiter mit der Warteliste in meinem Hinterkopf: Warum biete ich nicht meine Hilfe im Wahlbüro an? Warum melde ich mich nicht endlich im Fitnessstudio ab? Es gibt so viele Dinge, die ich von mir erwarte, die mir vermutlich guttun würden. Patientenverfügung, Testament, Organspendeausweis – mir wäre wohler, wenn ich diese Punkte abgehakt hätte. Aber immer wieder rettet mich eine Ausrede vor dem Loslegen: morgen, übermorgen, nächstes Jahr. 
Notorisches Aufschieben hat immer drei Dimensionen, erklärt der Psychologe Hans-Werner Rückert: Aufgabe, Motiv, Persönlichkeit. Und alle drei Faktoren können konfliktbehaftet sein. Eine Aufgabe ist zum Beispiel mit unangenehmen Vorstellungen verknüpft, wie etwa die Patientenverfügung. Oder das Motiv, etwas zu tun, ist unklar, belastet oder angstbesetzt. Bei der Steuererklärung beispielsweise liegt der Fall für Rückert klar: „Das ist ein Akt von Widerstand. Man kann es auch Trotz nennen.“ Und drittens sind da noch wir selbst, unsere Persönlichkeit. Hier spielt eine der „Big Five“ genannten Persönlichkeitseigenschaften, durch die wir alle uns grob voneinander unterscheiden, eine Rolle: die Gewissenhaftigkeit. Der sehr Gewissenhafte tut die Dinge, die nötig sind, gleich. Aber auch er muss ja entscheiden, was jetzt gerade wichtig ist. Für alle anderen scheint es logisch, unangenehme Dinge aufzuschieben... 


Den ganzen Text lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von BRIGITTE WIR. Außerdem in dieser Ausgabe: 

Drei Generationen auf grosser Fahrt: Mutter, Tochter, Enkelin in einem Boot

Ich bin dann mal frei: Wie ein guter Abschied vom Berufsleben gelingen kann
Stille


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