Interview „Als Nur-Hausfrau wärst du eine gruselige Mutter gewesen“

„Als Nur-Hausfrau wärst du eine gruselige Mutter gewesen“

BRIGITTE WIR: Glauben Sie, dass Humor vererbt wird? 

CORDULA STRATMANN:Es muss Raum geben, dass er sich entfalten kann. Meine Mutter und auch meinen Vater würde ich jetzt nicht als die geborenen Spaßbomben bezeichnen. Beide waren aber grundsätzlich immer amüsierbereit. Der Nährboden, auf dem ich groß geworden bin, war getränkt mit Humor. 

WILHELMINE STRATMANN:Mit Heiterkeit. 

CS:Heiterkeit, genau. Davon gab es viel bei uns. Am Ende warst du dafür immer erreichbar, auch wenn du dich mal verrannt hattest.

WS:Die Lösung ist eigentlich immer Humor. Für alles.

An was erinnern Sie sich da zum Beispiel? 

CS: Ich weiß noch, als ich Klavier üben musste: Spätestens eine halbe Stunde vor dem Unterricht habe ich versucht, mir dieses Scheißstück reinzukloppen. Ging natürlich nicht mehr. Irgendwann habe ich dann so mit den Unterarmen auf den Tasten rumgehauen in meiner Wut. 

Und dann? 

CS: Kam mein Vater – und sagte nur: „Das Stück sitzt jetzt aber!“ (Lacht.)

WS:Dann war das für alle erledigt. Er war aber auch duldsam mit so vielen Dingen. 

CS:Das brauchte es auch, denn das warst du nun gar nicht. 

WS: Ich war ungeduldig. Bin ich bis heute. Viel Gedöns um etwas machen, das ist nicht meins.

CS:Du warst immer sehr praktisch, auch in Ermangelung von Zeit. Drei Kinder, ein Beruf, keine Hilfe. 

Als Ihre Tochter fünf war, sind Sie wieder in den Schuldienst gegangen. 

CS:Für dich war es gut, dass du wieder arbeiten gegangen bist, dass du diese Aufgabe hattest. Als Nur-
Hausfrau wärst du eine gruselige Mutter gewesen. 

WS: Ich habe gemerkt: Nur zu Hause, das war es nicht. Beides zu haben war schön. Heute kann man sich auch als Hausfrau selbst verwirklichen, wenn man will. Das hat sich Gott sei Dank geändert. 

CS:Ja, die Bilder vom Leben einer Frau sind vielfältiger geworden. Früher war das: entweder … oder. Heute ist es mehr: sowohl … als auch. Auch wenn wir Frauen uns weiterhin die Köpfe einhauen darüber, was nun das „richtige“ Lebensmodell ist. Weil wir das immer noch nicht mit den Männern ausfechten. Immer noch wird unter den Frauen die Mutterrolle rauf- und runterdiskutiert, nicht die Elternrolle und nicht mit den Männern.

WS:Und das ist das Blödsinnigste! Warum sollen wir Frauen nicht so und so leben? 

 

 

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