Interview „Da kommt so ’ne Kleine, die nicht mal wie ein Zahn aussieht, und doch ein Erfolg ist«

„Da kommt so ’ne Kleine, die nicht mal wie ein Zahn aussieht, und doch ein Erfolg ist«

WIR: Im Heim fielen Sie durch zwei Dinge auf: Ihren Freiheitsdrang und Ihre Stimme. Sie schmetterten bei jeder Gelegenheit „Der Mai ist gekommen“. Nicht vor Glück, sondern als Überlebensstrategie?

BRÜNING: Irgendwie schafft man sich auch als Kind ein unbewusstes Ventil. Das war für mich das Singen.Das Leben im Heim war nicht so, als würde ich auf einem Baumwollfeld arbeiten und sei jeden Tag geschlagen worden. Aber Singen ist in jener Zeit zum Ausdruck meiner Befindlichkeit geworden, auch als wir nach zwei Jahren wieder nach Hause kamen.

WIR: Sie sind dann in der gerade gegründeten DDR zur Schule gegangen und haben auch im Erdkunde-Unterricht laut geschmettert: „Ganz Paris träumt von der Liebe“. Dafür gab es ordentlich Schelte?
 
BRÜNING: Da fing der ideologische Kampf an. Ich war Fan von Caterina Valente, und das war eines ihrer berühmtesten Stücke. Aber Paris und die DDR hatten nichts miteinander am Hut. Dort gab es Unmengen an Obdachlosen und bei uns nicht, sollten wir lernen. Dass ich das Lied sang, stach dem Lehrer in die Nase.
  
WIR: Sie durften trotzdem schon mit 13 Jahren auf einer Feier des VEB Galvanotechnik Leipzig auftreten.Ein Riesenerfolg, auch ohne Gesangsunterricht.

BRÜNING: Ja, das ist Talent. Da habe ich Glück gehabt, bis heute. Es gab auch mal Zeiten, wo die Intonation zu wünschen übrig ließ, wenn ich zu viel unterwegs war oder zu wenig geschlafen hatte. Aber man erzieht sich selbst zum Profi. Heute könnte ich bis zum Hals überfahren werden – und mein Kopf würde immer noch singen.
 
WIR: Dabei gelten Sie als ausgesprochen schüchtern …

BRÜNING: Das war ich aber nicht von Natur aus! Als Kind war ich ganz locker, habe mich vorgedrängelt und wollte singen. Die Hemmungen setzten erst ein, als die Mauer gebaut und meine Familie getrennt wurde.
 
WIR: Da war Ihre Schwester im Westen und Ihre Mutter mit Ihnen im Osten, weil Sie 1960 nicht fliehen wollten. Hatten Sie deshalb Schuldgefühle?

BRÜNING: Ich war 13, hatte in Leipzig viele Freunde, und es gefiel mir in der Schule. Aber die Schuld, die Familie getrennt zu haben, war natürlich da. Meine Mutter weinte damals nur noch und hatte für mich überhaupt keinen Nerv mehr. Damit fing meine Schüchternheit an, und das Minderwertigkeitsgefühl schlich sich ein. Ich zog mich zurück.

Das ganze Gespräch lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von BRIGITTE WIR.