Aufbruch „Ich bin zwar klein, aber wohin ich komme, behaupte ich mich“

Noch sehr genau erinnert sie sich an die Blicke der anderen Teilnehmer bei dieser Vorstellungsrunde in der Industrie- und Handelskammer. Es war eine Hygieneschulung für angehende Gaststättenbetreiber*innen, und sie war mit großem Abstand die Älteste in der Runde. Irene Hummel schüttelt belustigt den Kopf, wenn sie das erzählt. Denn seit sie beschlossen hat, sich im Alter von 80 Jahren ihren Lebenstraum zu erfüllen und ein Café zu eröffnen, erntet sie meist nur Unglauben. Oder Warnungen. Ihr Partner etwa, selbst 83, muffelte: „Die kostbare Zeit, die uns noch bleibt, wirst du doch nicht mit Arbeit vollstopfen?!“ Ihre Freundinnen baten: „Irene, denk doch mal an dich.“ Sie lacht: „Tu ich doch“, hat sie geantwortet.

1,55 Meter ist sie groß. Wenn sie einen ansieht, blitzen die dunkeln Augen. Geballte Energie strahlt die pensionierte Lehrerin aus, wie sie da ganz klein und zierlich hinter der Theke des Speicher 3 in Havixbeck-Hohenholte steht. Die Frage, wie sie das alles schafft, kann sie gar nicht nachvollziehen – für sie ist Action der Normalzustand: morgens sechsmal die Woche 30 Minuten Gymnastik, danach viermal die Woche 45 Minuten walken. Das goldene Sportabzeichen, na logisch.

Fleißig sein, schaffen, schaffen, Häusle bauen … Geboren im schwäbischen Ulm, musste sie schon als Kind viel arbeiten. Die Eltern hatten einen großen Bauernhof und ein Ausflugsrestaurant. Für sie bedeutete das, Obst von der Obstwiese hinter dem Haus auflesen, Erdäpfel und Rüben ernten, Kartoffelkäfer einsammeln. Auf den Wiesen Kümmel und Bucheckern auflesen, Tannenzapfen aus dem Wald für den Ofen in der Ausflugsgaststätte holen. Und später dann ab und zu kellnern, wenn Not am Mann war. „Mir ist keine Arbeit zu viel“, sagt sie, „ich höre nicht auf, bevor ich fertig bin. Zum Beispiel, wenn ich abends zu Hause Gäste hatte, dann gehe ich nicht ins Bett, bevor ich die Küche aufgeräumt habe.“

Nach dem Motto betreibt sie nun auch ihr Café, das in einem hohen, schlanken westfälischen Speicher inmitten des verwunschenen Stiftsdörfchens Havixbeck-Hohenholte in der Nähe von Münster in Westfalen gelegen ist. Drinnen bunte Zementfliesen und maßgefertigte Bauholzmöbel, draußen 50 Sitzplätze auf einer großen Terrasse in der Dorfmitte, überschattet von einer breiten Markise. Modern und gemütlich sieht das aus, und tatsächlich hat sie sich bei der Einrichtung Rat bei ihren beiden Töchtern geholt: „Die haben gesagt: Die meisten Gäste werden jünger sein als du, also mach besser was nicht ganz so Altmodisches“, erzählt sie.

Den ganzen Text lesen Sie in der neuen Ausgabe der BRIGITTE WIR!

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